Peter
Grosz

Texte


Zukunftserinnerungen

Die Arbeiten von Peter Grosz waren schon immer ruppig, grob, rauh, geprägt von einer sperrigen Kraft und nicht unbedingt leicht zugänglich. Daran ändert auch der Einsatz der Farbe nichts, nicht mal ein Rosa macht die Werke weicher.
Man sieht auf diesen Bildern häufig den ganzen Prozess der Bildwerdung, angefangen vom Malgrund, der mehr als nur eine Leinwand ist, über das sich Vorarbeiten mittels des Collagierens und malerischen Gestaltens. Häufig wurde Geklebtes wieder abgerissen und anders zusammengesetzt. Man hat das Gefühl, diese Bildes sind ein Kraftakt, dass es ein Kampf war, fast ein Akt der Gewalt. Und das, was wir als Betrachter am Ende zu sehen bekommen, scheint nur eine Pause zu sein. Ein Zwischenzustand, hart erkämpft. Diese hart erarbeiteten Formen befinden sich meist in einem Liniengefüge, sind selbst Linie. Manchmal dick und stark wirken sie wie gesetzmäßig dahingehörend, mal fließend, dünn und fein kommen sie von irgendwoher fließend nach irgendwohin. Die Linie - mal abgrenzend, mal haltend, mal sich ballend und Zentren bildend. Ein Netz, was alles zusammenhält - aber vielleicht auch nicht.
Inspirationsquellen dieser Fomfindungsprozesse sind die täglichen Nachrichten und die Poesie. Letztere in Form von Lyrik und von Musik. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass manche Linien wie Zeilen wirken - Noten- oder Gedichtzeilen.
Auch in der Titelgebung spürt man deutlich den poetischen Hintergrund:
"Niernandsrose"
"Gewitter des Rosen"
"Zukunftserinnerungen"
"Überlebensschweigen"
"zwischen Wissen-müssen und Vergessen-wollen oder Wissen-wollen und Vergessen-müssen"
oder die wunderschöne Zeile aus einem Gedicht von Paul Celan:
"Das Nichts rollt seine Meere zur Andacht"
Peter Grosz nutzt gern Vorhandenes und so besteht die sog. Leinwand oder der Malgrund bei ihm oft aus dem Leinen von ausgedienten Malerhosen - häufig sieht man noch Taschen, Knopfe, Reißverschlüsse. Man weiß nicht genau, welche Farben schon drauf waren, bevor die Hosen zur Leinwand wurden, Auf jeden Fall wurde ihnen als Bildträger und Bildmitgestalter eine neue Existenzberechtigung zugesprochen.
Genauso wie den abgerissenen Randstreifen einer großen Dekorationsmalerei für das Bayerische Staatsschauspiel, für das Peter Grosz in seinem Parallelleben arbeitet.
Diese Streifen dienten nur der Befestigung einer großen monströsen bemalten Leinwanddeko und wurden nach der Aufführung abgerissen und das Hauptwerk gut verstaut. Die Streifen sollten natürlich entsorgt werden: sie hatten Nutzen ,aber keinen Wert.
Peter Grosz erkannte das Potential dieser Hilfsstreifen, nähte sie in einem bestimmten Rythmus zusammen, ergänzte nur marginal malerische Details und so dürfen diese ehemaligen Diener in einem neuen Zusammenhang erstmals wirken und in leuchtendem Orange regelrecht erstrahlen.
Was das wandplastische Schaffen des Künstlers angeht, ist es eine folgerichtige wie auch überraschende, ungewöhnliche Art, innewohnende Formen seiner eigenen Bilder herauszulösen und sie in die dritte Dimension zu übeiführen. Eine eindrucksvolle lebendige Wand ist hier entstanden, voller sich verändernder Formen, linear, zeichenhaft und plastisch zugleich.
Eine wunderbare Ergänzung und Vervollkommnung des künstlerischen Ausdrucks von Peter Grosz.
Ich wünsche der sperrigen Poesie dieser Werke offene, aufmerksame und neugierige Betrachter und wünsche uns allen einen angenehmen und interessanten Abend.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Sybille Nütt (in ihrer Eröffnungsrede zur Ausstellung ´Zukunftserinnerungen´in der Galerie der Landesdirektion Dresden, April 2010.)


 
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